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Studienreise ins Schwabenland

3-tägige Kultur- und Studienfahrt
vom 28. bis 30. April 2017

1. Tag: Rottenburg

31 Teilnehmer machten sich unter Leitung von Hans-Jürgen Wenzel und mit unserem bewährten Busfahrer Jakob Hauprichs auf den Weg ins Schwabenland. Das lange Wochenende über den 1. Mai sorgte auf den Autobahnen für lange Staus, glücklicherweise betraf es am Morgen immer nur die Gegenrichtung. Über Karlsruhe und Pforzheim erreichten wir unser erstes Ziel, die idyllisch am Neckar gelegene Römer- und Bischofsstadt Rottenburg bereits gegen 11.30 Uhr. Bis zum Beginn der Stadtführung bestand sowohl Gelegenheit zum Mittagessen, als auch für einen ersten Rundgang durch die Stadt. Ganz in der Nähe des zentralen Eugen-Bolz-Platzes waren Archäologen beim Bau eines Parkhauses auf die außerordentlich gut erhaltene öffentliche Toilettenanlage der römischen Stadt Sumelocenna gestoßen. Sie ist heute Teil eines unter dem Parkhaus liegenden Museums.

Rottenburg, Latrine der römischen Stadt Sumelocenna

Rottenburg, ursprünglich eine römische Gründung, gehörte ab 1381 als Zentralort der Grafschaft Hohenberg zu Vorderösterreich und stand daher über 430 Jahre unter habsburgischer Herrschaft, bis es 1805 an Württemberg fiel. Im Jahre 1828 wurde Rottenburg im Rahmen der Angleichung der katholischen Bistumsgrenzen an die Ländergrenzen zum Bischofssitz für Württemberg.

Rottenburg, Der Dom ist die ehem. Pfarrkirche St. Martin

Rottenburg hat mit nahezu 4700 Gläubigen eine der größten Domgemeinden in Deutschland, allerdings hat sie mit der zum Dom erhobenen Markt- und Pfarrkirche St. Martin einen eher bescheiden wirkenden Dom, auch wenn die Diözese Rottenburg-Stuttgart weit größere und prächtigere Münster und Basiliken vorzuweisen hat. Von Anfang an gab es deshalb Pläne, einen neuen Dom in Rottenburg zu bauen: einmal ganz italienisch anmutend oder im neobyzantinischen Stil, bis hin zum neoromanischen Dom - bislang konnte (glücklicherweise) allerdings keiner dieser Pläne realisiert werden ...

Rottenburg, Stadtführung mit Herrn Kaupp

Ab 14 Uhr führten uns die beiden Stadtführer Ekkehard Kaupp und Manfred Bayer zu den Sehenswürdigkeiten, wie dem ehemaligen Jesuitenkolleg mit dem modernen Anbau des Bischöfl. Ordinariats, dem Marktplatz mit Rathaus und Narrenbrunnen, den Ritterbrunnen, den Resten der Stadtmauer mit dem Schütteturm, dem Gaisholzturm, dem Kapuzinerturm oder dem Zwingerturm sowie einige gut erhaltene Häuser in der Altstadt wie das Nonnenhaus, das Weingärtnerhaus, das Kirchbergersche Haus und das Spital zum Hl. Geist.

Anschließend ging es weiter nach Augsburg, leider mit einer Stunde Fahrzeitverzögerung durch die nicht enden wollende BAB-Baustelle über die Schwäbische Alb zwischen Kirchheim unter Teck und Ulm. Unmittelbar neben der A 8 entsteht derzeit die Eisenbahn-Neubaustrecke Stuttgart – Ulm. Gegen 19.30 Uhr trafen wir im lobenswerten City-Hotel Ost am Kö ein, nur 300 m vom Rathaus bzw. der Fußgängerzone entfernt.

2. Tag: Augsburg

Am Abend und in der Nacht zum Samstag, 29. April, hatte es sich ausgeregnet und gegen Mittag kam die Sonne hervor. Stadtführerin Renate Braun und Stadtführer Ernst Weidl holten uns am Hotel ab boten uns eine Führung zum Thema „2000 Jahre Geschichte in zwei Stunden“. Sie konnten nur einen kleinen Ausschnitt zeigen, wie etwa das prächtige Rathaus mit dem goldenen Saal, den Perlachturm mit der keltischen „Stadtgöttin“ Cisna als Wetterfahne, die Maximilianstraße mit ihren Palästen und dem Augustus-, den Merkur- und dem Herkulesbrunnen. Ein Rundgang durch die Unterstadt am Stadtgraben durfte nicht fehlen. Lebhaftes Interesse weckte die Fuggerei, eine von Jakob Fugger im Jahre 1521 gestiftete Sozialsiedlung.

Augsburg, Schlafzimmer in der Fuggerei

Hier wohnten und wohnen auch heute noch etwa 150 bedürftige Familien und Einzelpersonen in abgeschlossenen kleinen Häusern zu einer Jahreskaltmiete von 0,88 € (!) – dem Gegenwert eines damaligen rheinischen Guldens. Ferner sind sie zu drei täglichen Gebeten für den Stifter und dessen Familie verpflichtet. Auf die Frage, ob das kontrolliert wurde, meinte unsere Führerin nur „dort oben“ und zeigte gegen den Himmel.

Anschließend  bestand Gelegenheit zum Mittagessen. Am Nachmittag stand eine Führung durch den durch den romanisch-gotischen Mariendom auf dem Programm, vor dessen Eingang ein Brunnen steht mit den Figuren der drei „Stadtheiligen“, die hl. Afra und die Bischöfe Ulrich und Simpert, die alle in der Kirche St. Afra und St. Ulrich begraben sind. Afra  betrieb mit ihrer Mutter ein Bordell. Als eines Tages ein ahnungsloser Bischof kam und nur ein Frühstück begehrte, war Afra von seinem Tischgebet so ergriffen, dass sie augenblicklich zum christlichen Glauben übertrat.

Augsburg, Westchor des Domes (995-1006)

Der Dom besteht im Westen aus dem alten ottonischen unverputzten Bau (995–1065) mit zwei Türmen und einer Krypta sowie im Osten aus dem verputzten hochgotischen Chor (1356–1431). Da dieser auf reichsstädtischem Gelände entstand und kein Augsburger Bürger einen Umweg um den Chor herum machen sollte, musste die Kirche den Augsburgern ein Wegerecht durch das Querschiff einräumen. Einmal soll sogar der Bürgermeister während einer hl. Messe hindurch geritten sein. Nach dem Konzil von Trient wurde der Dom im barocken Stil ausgestattet; 1852 bis 1863 jedoch in neugotischem Stil umgestaltet und mehrere Altäre und Kunstwerke aus der Gotik beschafft.

Augsburg, Prophetenfenster mit Hosea und Daniel

Bemerkenswert sind der wahrscheinlich früheste Glasmalzyklus in Europa (fünf Prophetenfenster), die gotischen Fresken (Christophorus, Marien am Grabe) sowie der 1493 entstandene Weingartener Altar von Hans Holbein d.J. mit vier Tafelbildern.

Augsburg, Domführung mit Anton Zeis

Unser Domführer Anton Zeis gestaltete seine Erklärungen so spannend, dass aus der geplanten Stunde zwei Stunden wurden und niemand Zeichen von Ungeduld zeigte. Neben dem Dom steht die barocke ehemalige Fürstbischöfliche Residenz, seit 1817 Sitz des Regierungspräsidiums Schwaben. Ab 1794 residierte hier der von Koblenz durch die Franzosen vertriebene Trierer Erzbischof und Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der ja auch Fürstbischof in Augsburg war.

In der Freizeit, am Mittag und nach der Domführung, sahen wir uns auf eigene Faust mehrere Sehenswürdigkeiten an, so die spätgotische kath. Kirche St. Afra und St. Ulrich (1474-1500), zusammen gebaut mit der evang. Kirche St. Ulrich (15. Jh) oder die nahe dem Hotel gelegene evang. Kirche St. Anna (14. Jh.; ehem. Karmeliterkloster) mit der prachtvollen Renaissance-Grabkapelle der Familie Fugger, Gemälden von Lucas Cranach d.Ä. und Fresken aus dem 14. Jh. Durch einen Aushang der Augsburger Dommusik informiert, lauschten einige Teilnehmer ab 18 Uhr einem Konzert mit Gregorianischem Gesang vorgetragen von der Choralschola der Domsingknaben. An der Madrigalorgel spielte die Augsburger Domorganistin Claudia Waßner.

Zur Geschichte von Augsburg

Augsburg – an den Flüssen Lech, Wertach und Singold gelegen – ist sechs Jahre älter als Koblenz. Es wurde im Jahre 15 v. Chr. gegründet als römisches Lager Augusta Vindelicorum. Augsburg wurde im Jahre 1276 Freie Reichsstadt. Die Stadt kam in Konflikt mit dem Hochstift und Fürstbistum Augsburg, so dass dessen Hauptresidenz im 15 Jh. nach Dillingen (Donau) verlegt wurde. Im Jahre 1530 führte die Freie Reichsstadt die Reformation ein. Im sogenannten Augsburger Religionsfrieden wurde 1555 die Gleichstellung beider Konfessionen durch ein Reichsgesetz erreicht, das auf dem Reichstag zu Augsburg zwischen Ferdinand I. als Vertreter seines Sohnes Karl V. und den Reichsständen vereinbart wurde. So ist Augsburg die einzige deutsche Stadt mit einem eigenen gesetzlichen Feiertag, dem am 8. August begangenen Friedensfest. 1805 endete Augsburgs Status als Freie Reichsstadt und die Stadt fiel an Bayern. Heute hat Augsburg rund 290.000 Einwohner und ist Hauptstadt des bayrischen Regierungsbezirks Schwaben.

3. Tag: Ulm und Kloster Wiblingen

Am Sonntag, 30. April, besuchten wir Ulm, die alte freie Reichsstadt, seit dem Wiener Kongress durch die Donau geteilt in das württembergische Ulm und das bayrische Neu-Ulm. An diesem Tag fand auf verschiedenen Ulmer Plätzen der „Maitanz International“ statt, da die Unesco im Jahr 2015 den Volkstanz als zu schützendes Kulturerbe anerkannt hat. Vor dem Beginn der Führungen war noch etwas Zeit, um die Ulmer Gruppe Saitenspringer mit ihren Musikern zu beobachten.

Ulm, Maitanz International vor dem Münster

Unsere Stadtführerinnen Renate Teske und Sybille Bagci zeigten uns im Rahmen einer eineinhalb stündigen Führung etliche bemerkenswerte Gebäude, so das auf das Jahr 1370 zurückgehende Rathaus mit astronomischer Uhr und aus der Frührenaissance stammender Außenbemalung: Tugenden, Gebote und Laster. In starkem Kontrast dazu steht die Glaspyramide der Stadtbibliothek von Gottfried Böhm von 2004.

Ulm, Stadtbibliothek, Brunnen und Rathaus

Alsdann bewunderten wir die Sehenswürdigkeiten der historischen Altstadt im Fischer- und Gerberviertel mit einer Fülle an Gassen und Brücklein und natürlich Fachwerk im Überfluss. 13 Mühlen wurden alleine vom durch das Viertel fließenden Flüsschen Blau betrieben, die im sog. „Blautopf“ in Blaubeuren entspringt.

Ulm, Zunfthaus der Schiffsleute am Fischerplätzle

Einst Heimat der Handwerker, haben sich in den malerisch restaurierten Viertel Restaurants (u.a. die bekannten Schildwirtschaften), Galerien und kleine Fachgeschäfte etabliert. Im Viertel stehen die „Ulmer Münz“, die „Forelle“ (älteste Ulmer Gaststätte), und an der Mündung der Blau das Hotel „Schiefes Haus“ (lt. Guinness-Buch der  Rekorde das schiefste Hotel der Welt).

Das Ulmer Münster besichtigten wir eigenständig. Nach Einführung der Reformation in Ulm wurde der Bau des Münsters 1543 eingestellt, erst Mitte des 19. Jh. wieder begonnen  und 1890 vollendet. Sein Turm ist mit 161,3 m der höchste Kirchturm der Welt. Keiner unserer Reiseteilnehmer offenbarte sich, ob er die 768 Stufen bis zur Spitze erklommen hat. Erwähnenswert im Innern u .a. das Chorgestühl von Jörg Syrlin, der Choraltar und die prächtigen Chorfenster, die Besserer- und Neithartskapelle und der berühmte „Schmerzensmann“ von Hans Multscher. Auf den Dachfirst des Langschiffes eine Figur des berühmten „Ulmer Spatzen“: Als Zimmerleute beim Dombau die Balken quer auf den Karren geladen hatten, kamen sie mit der Fuhre nicht durch das Stadttor. Ein Spatz machte es ihnen vor: mit einem Strohhalm quer im Schnabel flog er bis kurz vor einen Spalt in der Mauer, der zu seinem Nest führte. Er nahm dann den Strohhalm längs in den Schnabel, konnte so hineinschlüpfen und die Zimmerleute machten es ihm nach: sie luden die Balken längs.

Zur Geschichte von Ulm

Ulm wird erstmals am 22. Juli  854 als Königspfalz erwähnt. Ulm war von 1184 bis 1802 freie Reichstadt, wurde 1802 bayrisch und ab 1810 durch einen Gebietstausch württembergisch. Dabei wurde Ulm durch die Donau geteilt in das württembergisch gebliebene Ulm und das bayrische Neu-Ulm. Seit 25. April 1952 gehört Ulm zum neuen Bundesland Baden-Württemberg und ist mit rund 120.000 Einwohnern etwas größer als Koblenz.

Der Reichtum Ulms wurde begründet im Mittelalter als Handelsplatz für Eisen, Textilien, Salz, Holz und Wein. Weltbekannt war das Ulmer Barchent, ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen. Das Holz wurde verschifft auf Ulmer Schachteln, Flösse mit einem Decksaufbau als Aufenthaltsraum, die an den Zielorten der unteren Donau zwecks Verkaufs des Holzes zerlegt wurden. Bekannt wurde Ulm auch durch den Bau von Flügelaltären und religiösen Skulpturen. Der Reichtum schwand durch die Konkurrenz der Fugger, den Schmalkaldischen und den Dreißigjährigen Krieg. Hinzu kam, dass die Bürger sich im  Jahre 1531 der Reformation anschlossen und der katholische Kaiser Karl V. im Jahre 1546 (zur Strafe?) die Städtische Verfassung von 1397 (sog. Schwörbrief mit vielen Privilegien) aufhob.

Von 1842 bis 1859 wurde Ulm unter Oberst von Prittwitz und Gaffron zur Festung des Deutschen Bundes ausgebaut. Hiervon sind im Stadtgebiet von Ulm und Neu-Ulm noch zahlreiche Gebäude, darunter nahezu alle äußeren Forts und Teile der Stadtumwallung erhalten. Zur Festung, ihrer Geschichte und Erhaltung durch einen ehrenamtlichen Verein gab Hans-Peter Günther einen Überblick.

Aus Ulm stammen der Wissenschaftler Albert Einstein, die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl sowie die Filmschauspielerin Hildegard Knef.

Gruppe vor dem Portal von Kloster Wiblingen

Zum Abschluss besichtigten wir in einer Führung mit Maria Weckerle das ehemalige, 1093 gegründete und 1806 säkularisierte Benediktinerkloster Wiblingen. Die Klosterkirche St. Martin mit ihrer monumentalen Fassade bildet den letzten Höhepunkt der barocken Kirchenbaukunst in Oberschwaben. Die Bauleitung übernahm der uns allen bekannte Januarius Zick, dessen farbenprächtige Deckenfresken die biblische Kreuzigungsgeschichte zeigen. Die Kirche ist seit 1993 Basilica Minor.

Kloster Wiblingen, Bibliothek

Der prunkvolle Bibliothekssaal im Rokokostil mit einer von Säulen  getragenen geschwungenen Galerie beheimatete einst rund 15.000 Bücher, von denen ein Großteil nach der Säkularisation auf verschiedene Bibliotheken verstreut wurde. Inzwischen beherbergt die Bibliotek wieder eine bedeutende Sammlung historischer Schriften. Das Deckengemälde von 1744 von Franz Martin Kuen zeugt „die thronende göttliche Weisheit“.

Am Sonntagabend brachte uns Jakob Hauprichs in Rekordzeit von vier Stunden nach Koblenz – ganz ohne die üblichen Sonntagsrückreisestaus, da ja der 1. Mai ein Feiertag war.

Termin: Freitag, 28. April 2017
Abfahrt: 7.00 Uhr, Koblenz, Reisebusbahnhof
Rückkunft: Sonntag, 30. April 2017, gegen 21.00 Uhr
Reisepreis: Mitglieder: 206,00 € p.P. im DZ; Gäste: 221,00 €  p.P. im DZ
EZ-Zuschlag: 40,00 €

Leistungen:

  • Fahrt mit modernem Reisebus
  • 2x ÜF im City-Hotel Ost am Kö, Augsburg
  • Alle Führungen und Eintrittsgelder
  • Reiseleitung durch Koblenzer Bildungsverein

Reiseleitung und Bericht: Hans-Jürgen Wenzel
Fotos: Hans-Peter Günther

 

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